Definition
Märchen sind meist in Prosa erzählte Geschichten, in denen übernatürliche Ereignisse selbstverständlich in die Handlung eingebunden werden. Ihre Stoffe und Motive wurden häufig mündlich überliefert und in unterschiedlichen Fassungen weitergegeben.
Der Begriff geht auf das mittelhochdeutsche mæ re zurück und bezeichnete ursprünglich Kunde oder Nachricht. Märchen arbeiten mit wiederkehrenden Handlungsmustern, Figuren und Bildsymbolen. Dazu gehören etwa Prüfungen, Verwandlungen, verbotene Räume, hilfreiche Begleiter oder eine schwer überwindbare Grenze.
Im Unterschied zur Sage sind Märchen gewöhnlich nicht fest an einen historischen Ort, eine bestimmte Zeit oder eine nachweisbare Person gebunden. Die unbestimmte Eröffnung und das offene Spiel mit dem Wunderbaren schaffen einen Erzählraum, der in vielen Kulturen verständlich bleibt.
Merkmale und Formen
Die wichtigste Unterscheidung verläuft zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen. Volksmärchen werden anonym überliefert und verändern sich durch das Erzählen. Kunstmärchen stammen von bestimmten Autorinnen oder Autoren und sind als individuelle literarische Gestaltung erkennbar.
Volksmärchen sind häufig durch einfache Strukturen, Wiederholungen und formelhafte Wendungen geprägt. Figuren werden eher über ihre Rolle als über eine ausführliche psychologische Beschreibung bestimmt. Kunstmärchen können diese Muster übernehmen, sie aber auch brechen, vertiefen oder mit einer persönlichen Weltsicht verbinden.
Zu den verbreiteten Märchenmotiven zählen die gefährliche Reise, das ausgesetzte Kind, drei Wünsche, die schlafende Gestalt, die Begegnung mit einem hilfreichen Tier und die Verwandlung. Solche Motive erscheinen in vielen regionalen Fassungen und werden immer wieder neu kombiniert.
Typen und Motive
Sammlungen unterscheiden unter anderem Tiermärchen, Schwänke, Zaubermärchen, Legendenmärchen und Geschichten, in denen eine übermächtige Figur überlistet wird. Die Grenzen zwischen diesen Gruppen sind nicht immer scharf; entscheidend sind Handlung, Figurenkonstellation und die Art des Wunderbaren.
- Tiermärchen stellen sprechende oder handelnde Tiere in den Mittelpunkt.
- Zaubermärchen verbinden Prüfungen und Verwandlungen mit magischen Helfern oder Gegenständen.
- Schwänke lösen Konflikte oft durch List, Übertreibung und komische Umkehrung.
Die wiederkehrenden Motive bilden ein internationales Netzwerk. Ähnliche Erzählmuster können durch Wanderung von Geschichten, gemeinsame kulturelle Erfahrungen oder unabhängige Entwicklung entstehen.
Entstehung und Überlieferung
Wann die ersten Märchen entstanden, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Erzählungen mit mythischen und wunderbaren Elementen gehören zu sehr alten Formen menschlicher Verständigung. Sicher ist, dass viele Märchen zunächst über lange Zeit mündlich weitergegeben wurden.
Schriftliche Sammlungen entstanden in unterschiedlichen Kulturkreisen. Die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht wurden über Jahrhunderte ergänzt und übersetzt. In Europa trugen unter anderem französische Sammlungen des 17. Jahrhunderts dazu bei, märchenhafte Stoffe einem breiten Lesepublikum zugänglich zu machen.
Die Brüder Grimm
Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, erstmals 1812 veröffentlicht, prägten das Bild des deutschsprachigen Volksmärchens nachhaltig. Die Sammlung entstand aus verschiedenen Überlieferungen und wurde in späteren Auflagen sprachlich und inhaltlich verändert. Dadurch ist sie zugleich Dokument einer Erzähltradition und ein Beispiel dafür, wie Sammlungen Stoffe für neue Lesekreise gestalten.
Auch Ludwig Bechstein, Johann Karl August Musäus und zahlreiche Sammlerinnen und Sammler trugen zur Verbreitung deutschsprachiger Märchen bei. Ihre Ausgaben zeigen, dass Märchen nie nur eine einzige, unveränderliche Fassung besitzen.
Kunstmärchen und moderne Erzählungen
In der Romantik entwickelte sich das Kunstmärchen zu einer eigenständigen literarischen Form. Wilhelm Hauff und Hans Christian Andersen verbanden märchenhafte Muster mit genauerer Figurenzeichnung, bestimmten Schauplätzen und individuellen sprachlichen Formen.
Spätere Fantasy-Erzählungen und manche Science-Fiction-Geschichten greifen ebenfalls auf märchenhafte Strukturen zurück: eine Reise, eine Prüfung, eine klare Gegenkraft oder die Hoffnung auf eine veränderte Ordnung. Ob ein Werk als Märchen gilt, hängt dabei vom jeweiligen Gattungsverständnis ab.
Märchen lesen
Wer ein Märchen untersucht, kann zunächst auf Erzählperspektive, Raum und Zeit, wiederkehrende Zahlen, Prüfungen und Verwandlungen achten. Ebenso wichtig ist die Frage, wie eine konkrete Fassung mit älteren Motiven umgeht und welche Werte oder Konflikte sie sichtbar macht.
Märchen sind deshalb nicht bloß einfache Geschichten. Sie bewahren Spuren mündlicher Überlieferung, werden durch literarische Bearbeitung verändert und bleiben offen für neue Deutungen in Buch, Theater, Film und anderen Medien.
Sekundärliteratur
- Lüthi, Max / Rölleke, Heinz: Märchen. Stuttgart: Metzler, 2004.
- Mayer, Mathias / Tismar, Jens: Kunstmärchen. Stuttgart: Metzler, 2003.
- Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. Ditzingen: Reclam, 2004.