Definition
Rezeption ist ein Begriff der Literatur- und Kunstwissenschaft. Im weiteren Sinn bezeichnet er die Aufnahme und Weiterverarbeitung von Gedanken, Formen, Wertvorstellungen oder kulturellen Mustern. Im engeren literaturwissenschaftlichen Sinn meint Rezeption den Prozess, in dem Leserinnen und Leser Literatur wahrnehmen, sich aneignen und interpretieren.
Hintergrund
Lesen ist ein aktiver Vorgang: Ein Text trifft auf Erfahrungen, Erwartungen und Fragen.
Die Rezeptionsforschung geht davon aus, dass der Sinn eines literarischen Werkes nicht vollständig durch die Absicht einer Autorin oder eines Autors festgelegt ist. Lesende bringen ihren Bildungshintergrund, ihren literarischen Geschmack, ihre Erwartungen und ihre aktuelle Situation in die Lektüre ein.
Dadurch kann derselbe Text zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen sozialen Zusammenhängen ganz verschieden wirken. Auch die Form des Lesens – etwa still, gemeinsam, gedruckt oder digital – beeinflusst, wie ein Werk wahrgenommen und erinnert wird.
Text, Leser und Erwartung
In der literaturwissenschaftlichen Diskussion wird häufig das Verhältnis von Text und Leser untersucht. Ein Werk eröffnet Möglichkeiten, setzt Signale und lässt Leerstellen; die Lesenden verbinden diese Elemente mit ihrem eigenen Vorwissen. Die entstehende Interpretation ist deshalb weder beliebig noch unveränderlich, sondern entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Text und Lektüresituation.
Entwicklung der Forschung
Vorläufer der Rezeptionsforschung finden sich in phänomenologischen und hermeneutischen Ansätzen. Sie betonen, dass Verstehen immer von der geschichtlichen Situation und den Voraussetzungen der interpretierenden Person geprägt ist. Hans-Georg Gadamers Konzept der Horizontverschmelzung beschreibt, wie der Horizont eines Textes mit dem Horizont der Lesenden in Beziehung tritt.
Seit den 1960er Jahren gewann die Rezeption als eigenständiger Forschungsbereich deutlich an Gewicht. Untersucht werden unter anderem die Veränderung des Lesegeschmacks, die Wirkung literarischer Werke in unterschiedlichen Gruppen und Zeiten sowie die Bedingungen, unter denen Texte Aufmerksamkeit erhalten.
Rezeptionsästhetik
Die Rezeptionsästhetik richtet den Blick besonders auf die Wirkung eines Werkes und auf die Rolle der Lesenden. Hans Robert Jauß prägte die Diskussion mit dem Begriff des Erwartungshorizonts; Wolfgang Iser untersuchte, wie Texte durch Leerstellen und Andeutungen eine aktive Lektüre anregen.
Daneben beschäftigt sich die Leseforschung mit konkreten Bedingungen des Lesens, etwa mit Lesepraktiken, Medienformen und der Frage, wie Menschen Texte auswählen, verstehen und weiterempfehlen.
Sekundärliteratur
- Hans Robert Jauß: Literaturgeschichte als Provokation. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1970.
- Wolfgang Iser: Der implizite Leser. Fink, München, 1972.
- Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Mohr Siebeck, Tübingen, 1960.