Einordnung

Die in den USA lebenden Künstler Michael Clegg und Martin Guttmann beschäftigten sich seit den frühen 1990er-Jahren zunehmend mit Büchern als Trägern von Wissen und Kommunikation. Ihr Projekt „Die Offene Bibliothek“ stellte wetterfeste Bücherschränke in unterschiedlichen Stadtteilen auf.

Die Idee war einfach: Bücher konnten ohne Anmeldung entnommen, gelesen und gegen andere Bücher ausgetauscht werden. Eine begleitende Ausstellung dokumentierte jeweils die örtliche Umsetzung und die Reaktionen der Nachbarschaft.

Die Projekte zeigten ein breites Spektrum sozialer Interaktion – von großer Zustimmung und eigenem Engagement bis zu Leerstand, Beschädigung oder vollständiger Räumung. Später wurden solche offenen Regale auch im Umfeld des Bookcrossings genutzt, bei dem Bücher mit Registriernummern weitergegeben und verfolgt werden konnten.

1991 · Graz

1991 wurden in Graz an drei Orten einfache Bücherschränke aufgestellt. Hinweise luden dazu ein, Bücher auszuborgen, später zurückzustellen und die Auswahl durch eigene Spenden zu ergänzen. Sicherheits- oder Kontrollmaßnahmen waren ausdrücklich nicht vorgesehen.

Die Standorte lagen teilweise an ungewöhnlichen, schwer zugänglichen Orten. Die Nutzung fiel sehr unterschiedlich aus: Ein Schrank blieb über mehrere Monate in Betrieb, ein anderer war nach wenigen Wochen leer, ein dritter wurde zerstört.

1993 · Hamburg

Im Herbst 1993 wurde das Projekt in Hamburg mit ehemaligen Schaltschränken umgesetzt. Drei Stadtteile – Kirchdorf-Süd, Barmbek und Volksdorf – erhielten jeweils eine offene Bibliothek.

Eine studentische Gruppe aus dem Bereich der angewandten Kulturwissenschaften begleitete und dokumentierte das Vorhaben. Auch hier blieb die Nutzung rund um die Uhr und ohne formale Regeln möglich. Die Ergebnisse reichten von wiederholter vollständiger Räumung bis zu besonders intensiver Nutzung. In Volksdorf setzte sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt des Standorts ein.

1994 · Mainz

Im Rahmen des Mainzer Kultursommers 1994 entstanden zwei weitere Standorte: einer in der Neustadt und einer am Rand der Berliner Siedlung. Ehemalige Stromverteilerkästen wurden jeweils mit ungefähr 450 Büchern bestückt.

Die Mainzer Bibliotheken waren ohne Aufsicht und ohne feste Rückgabefristen angelegt. Der Standort in der Neustadt entwickelte sich über den Sommer hinaus zu einer dauerhaften Einrichtung. Berichten zufolge war der Bücherschrank dort auch 2008 noch gut gefüllt, unbeschädigt und in Gebrauch.

Ähnliche Projekte

2010 · Wien

Ein 2010 eröffneter offener Bücherschrank in Wien bot auf mehreren Ebenen Platz für etwa 250 Bücher. Der wetterfeste Korpus war von zwei Seiten zugänglich und für den Austausch im öffentlichen Raum konzipiert.

Weitere Nachahmungen

Die Idee frei zugänglicher Bücherregale fand zahlreiche Nachahmer. Beispiele wurden unter anderem aus Frankenberg, Wiesloch, Bonn, Frankfurt, Berlin, Hannover und weiteren Städten dokumentiert.

Weiterlesen

Zur Vertiefung führen die vorhandenen Verweise zu den Themen Buchgeschichte, Bibliothekswesen und Bookcrossing.