Definition
Der historische Roman oder Geschichtsroman ist ein Romantypus, in dem historische Persönlichkeiten, belegte Ereignisse oder vergangene Lebenswelten literarisch gestaltet werden. Der historische Stoff wird dabei nicht einfach dokumentiert, sondern nach ästhetischen, erzählerischen und psychologischen Gesichtspunkten geformt.
Typisch sind eine größere Zahl an Figuren und miteinander verbundenen Handlungssträngen. Überschneidungen mit Zeitroman, Gesellschaftsroman, Familienroman oder biografischem Roman sind häufig. Ob ein Werk als historischer Roman gelesen wird, hängt deshalb auch vom jeweiligen Blickwinkel ab.
Historische Genauigkeit ist ein wichtiger Bezugspunkt, aber keine vollständige Bedingung. Neben der Plausibilität der dargestellten Zeit stehen psychologische Glaubwürdigkeit und künstlerische Authentizität. Manche Romane nutzen vergangene Epochen vor allem als farbige Kulisse für Abenteuer oder Liebesgeschichten; andere versuchen, zeittypische Erfahrungen und Denkweisen nachvollziehbar zu machen.
Entstehung
In Deutschland entstanden die ersten historischen Romane um 1800. Ältere Prosawerke mit historischen Stoffen, etwa Schlüssel- und Staatsromane des 17. Jahrhunderts, können nur eingeschränkt als Vorläufer gelten.
Als prägender Begründer der modernen Gattung gilt der schottische Schriftsteller Walter Scott. Mit Waverley von 1814 und Ivanhoe von 1820 beeinflusste er die weitere Entwicklung des historischen Romans maßgeblich. In seinem Umfeld verband sich die Darstellung vergangener Ereignisse mit sozialen Konflikten, erfundenen Figuren und einer lebendigen Rekonstruktion von Lebenswelten.
In Frankreich folgten unter anderem Prosper Mérimée und Victor Hugo. Die Anfänge der Gattung standen zugleich in Verbindung mit dem wachsenden Geschichtsbewusstsein der Romantik und dem Interesse an historischen Entwicklungsprozessen.
Entwicklung im 19. Jahrhundert
Der Erfolg Scotts und Hugos regte Autorinnen und Autoren in vielen europäischen Ländern dazu an, nationale Geschichte literarisch zu gestalten. Zu den wichtigen Vertretern gehörten Alessandro Manzoni in Italien, Nikolaj Gogol in Russland und James Fenimore Cooper in den Vereinigten Staaten.
In Deutschland wandte sich der historische Roman besonders häufig dem Mittelalter und der eigenen Nationalgeschichte zu. Zu den prägenden Namen zählen Karoline Pichler, Wilhelm Hauff und Willibald Alexis. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich außerdem der Sittenroman als deutsche Sonderform, zu der Johannes Wilhelm Meinhold gerechnet wird.
Historismus und Geschichtsschreibung
Ab etwa 1850 geriet der historische Roman stärker unter den Einfluss des Historismus und der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Historische Phänomene wurden zunehmend als Ergebnisse bestimmter Entwicklungsprozesse verstanden. Werke von Joseph Victor von Scheffel und Gustav Freytag zeigen dieses Interesse an zeitlichen Zusammenhängen und historischen Milieus.
Auch groß angelegte Romane wie Felix Dahns Ein Kampf um Rom oder Leo Tolstois Krieg und Frieden verknüpfen individuelle Schicksale mit umfassenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen.
Der historische Roman im 20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert nahm die thematische und stoffliche Vielfalt weiter zu. Neben der Rekonstruktion historischer Ereignisse traten psychologische Vertiefung und die Untersuchung sozialer Beziehungen innerhalb einer Epoche.
Beispiele reichen von Alfred Döblins Wallenstein über Jakob Wassermanns Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens bis zu Lion Feuchtwangers Die hässliche Herzogin. In der neueren Literatur zeigen unter anderem Christoph Ransmayr, Per Olov Enquist, Hanns-Josef Ortheil und Hilary Mantel, wie unterschiedlich historische Stoffe erzählt und kritisch befragt werden können.
Der historische Roman der Gegenwart verbindet häufig genaue Recherche mit Perspektiven, die in traditionellen Geschichtsbildern wenig Raum erhielten. Dadurch wird Vergangenheit nicht nur veranschaulicht, sondern auch auf ihre Leerstellen, Machtverhältnisse und Deutungen hin untersucht.
Literaturhinweise
- Dahn, Felix: Ein Kampf um Rom. Erstausgabe 1876.
- Döblin, Alfred: Wallenstein. Erstausgabe 1920.
- Gordon, Noah: Der Medicus. Erstausgabe 1986.
- Scott, Walter: Ivanhoe. Erstausgabe 1820.
- Tolstoi, Leo: Krieg und Frieden. Erstausgabe 1868/1869.
Sekundärliteratur
- Bauer, Matthias: Romantheorie und Erzählforschung. Eine Einführung. 2005.
- Martínez, Matías / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 2007.
- Steinecke, Hartmut / Wahrenburg, Fritz: Romantheorie: Texte vom Barock bis zur Gegenwart. 1999.